Die Bibliotheken und ihre Hüter

Bibliothek
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Abgesehen von begeisterten Bibliophilen interessierte sich bis zur heutigen Zeit kaum jemand für Bibliotheken, Bibliothekare oder ihre Geheimnisse. 1980 änderte sich dies, als der italienische Schriftseller Umberto Eco seinen mittlerweile weltberühmten Roman "Der Name der Rose" vorstellte und das Interesse vieler Leser in diese Richtung lenkte. In seinem Roman, dessen Handlung im Mittelalter angesiedelt wurde, spielen nämlich eine geheimnisvolle Kloster-Bibliothek und ihr Bibliothekar eine zentrale Rolle.

"Die Bibliothek ist nach einem Plan entstanden, der allen Beteiligten dunkel geblieben ist in all den Jahrhunderten, keiner der Mönche war und ist je befugt, ihn zu kennen. Allein der Bruder Bibliothekar weiß um das Geheimnis, er hat es von seinem Vorgänger erfahren und gibt es vor seinem Tode weiter an seinen Adlatus, damit, falls ein plötzlicher Tod ihn heimsucht, die Bruderschaft nicht dieses kostbaren Wissens beraubt wird. Doch beider Lippen sind durch das Geheimnis versiegelt. Allein der Bibliothekar hat das Recht, sich im Labyrinth der Bücher zu bewegen, er allein weiß, wo die einzelnen Bände zu finden sind und wohin sie nach Gebrauch wieder eingestellt werden müssen, er allein ist verantwortlich für ihre sachgemäße Erhaltung. [..]
Die Bibliothek verteidigt sich selbst. Unergründlich wie die Wahrheit, die sie beherbergt, trügerisch wie die Lügen, die sie hütet, ist sie ein geistiges Labyrinth und zugleich ein irdisches. Kämt Ihr hinein, Ihr kämt nicht wieder heraus." [1]

Schätzungsweise könnte die von Umberto Eco beschrieben Bibliothek um die 85.000 Bücher beherbergen können. Doch die mittelalterliche Wirklichkeit sah nun mal etwas anders aus. In der Zeit schrieb man Bücher auf Pergament, das aus der Haut von Schafen und anderen Tieren hergestellt wurde. So brauchte man für ein 100-seitiges Buch ca. 250 Schafshäute. Folglich waren die Bücher sehr teuer und man brauchte für die Herstellung sehr viel Zeit. Nicht selten vergingen Jahre, bis ein Buch fertiggestellt werden konnte. Damit waren die Bestände der Bibliotheken meist entsprechend klein. Besaß eine Bibliothek mehr als 1000 Bücher, gehörte sie automatisch zu den bedeutendsten der Zeit. Zu späterem Zeitpunkt kam auf die öffentliche Bibliotheken noch ein weiteres Problem hinzu: der Diebstahl. Um ihn vorzubeugen, wurden die Bücher an die Lesepulte angekettet, was die Kosten noch zusätzlich erhöhte.
Erst nach der Einführung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert, für deren Erfinder Johannes Gutenberg gehalten wird, entspannte sich die Lage allmählich, die Kosten sanken und die Buchbestände der Bibliotheken fingen an rasant zu wachsen. Auch der Beruf eines Bibliothekars, der sich professionell mit der ihm unterstellten Bibliothek befasste, tauchte viel später als allgemein angenommen auf. Bis dahin waren es Hilfskräfte, die für Pflege und Ordnung in einer Bibliothek sorgten. Eine Ernennung zum Direktor geschah meist ehrenwürdig. Den Job eines Bibliothekars betrachtete man mehr oder weniger als eine Nebenbeschäftigung. Für den ersten „wahren“ Bibliothekar kann Antonio Panizzi (1797 -1879) angesehen werden. Der gebürtige Italiener zog 1823 nach England und stieg hier zum Direktor der Bibliothek des British Museum auf. Unter anderem erstellte er hier einen Katalog des kompletten Bestandes und führte das Pflichtexemplar ein. Damit musste ein Exemplar jedes veröffentlichten Buches im gesamten Königreich der Bibliothek überlassen werden.
Heute rühmen sich die großen Bibliotheken mit einem Bücherbestand in Millionenhöhe. Zu den größten Bibliotheken zählen Library of Congress (USA) und British Library (Großbritannien). Die berühmteste ist wohl die mit Sagen und Mythen um gewobene Vatikanische Bibliothek in Vatikan. Die prachtvollsten entstanden in der Zeit des Barock und Rokoko. In Deutschland findet man eine solche Bibliothek z.B. in Wiblingen.
Was aus der alten Zeit geblieben ist, sind Erhaltungsprobleme der Bücher. Nagetiere, Staub, Schimmel, Insekten, Feuer und Diebstahl machen bis heute jeder Bibliothek und jedem Bibliothekar zu schaffen. Trotz moderner Methoden konnte z.B. die Feuerwehr 2004 die schöne Rokoko-Bibliothek der Herzogerin Anna Amalia in Weimar, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört, vor dem Feuer nicht schützen. Der Brand, der die ganze Nacht in der Bibliothek wütete, zerstörte über 50.000 Bücher und zahlreiche Gemälde.
So verlässt man sich nicht überall nur auf die neuesten Techniken. In der Bibliotheca Joanina der Universitätsstadt Coimbra (Portugal) wacht neben dem Bibliothekar eine Fledermaus-Kolonie über den Erhalt der Bücher. Und das erfolgreich seit dem 18. Jahrhundert! Vielleicht zählt diese Bibliothek deswegen zu den spektakulärsten der Welt.

[1] - Umberto Eco: Der Name der Rose

10.02.2015

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