buch TANGO, DER DEIN HERZ VERBRENNT







In jedem Hafen der Welt gibt es jemanden, der wartet.
RAUL GONZALEZ TUNON, Miercoles de ceniza

Tango, der dein Herz verbrennt

Es sind viele Länder und Städte, die in dieser Erzählung vorkommen. Man spricht von Spanien und Frankreich, Deutschland und Polen, Russland und sogar Israel kommen hier vor. Trotz dass Paris, Madrid, die kubanische Metropole Havanna oder das uruguayische Montevideo in Erscheinung treten, gilt die Geschichte unverkennbar dem größten argentinischen Stolz, der argentinischen Stadt der Städte, Buenos Aires.
Die Story ist eine Familiensaga, die über mehrere Generation erstreckt, sozusagen im Vorbeigehen, den Wandel der Stadt schildert. Der Stadt und ihrer Bewohner. Es geht 1880 los. Als Roque mit Amon, kommend aus Spanien, und kurz später Herman Frisch alias Don German, ein Einwanderer aus Deutschland, einige der Hauptfiguren der Erzählung, den argentinischen Boden betreten ist Buenos Aires alles andere als die Stadt, die wir heute kennen. Die wilde und bunte Mischung bestehend aus Menschen aller Nationen, die damals an der südlichen Seite Rio de La Plata lebten, zählte um die eine halbe Million Mitglieder und nichts deutete darauf hin, dass hier bald eine der größten Metropolen der Welt entstehen wird, der argentinische Stolz schlechthin mit einem Ballungsgebiet mit nahe 12 Millionen Bewohner. Ende des XIX Jahrhundert wimmelte es hier nur von Halunken, Spielern und Abenteurern aus aller Welt, dicht nebeneinander agierenden Mördern, Dieben, Verbrechern aller Art und unzähligen Zuhältern, die geschäftig ihre "Mädchen" betreuten. Die zu der Zeit überwiegend über Montevideo kommenden Immigranten bildeten eine Gesellschaft in der gewaltiger Reichtum auf der einen und ein unbeschreibliches Elend auf der anderen Seite um die Plätze rankten.

Tango, der dein Herz verbrennt

Horacio Vazquez-Rial
Roman

Originaltitel der spanischen Ausgabe: Frontera Sur
1994
Deutsche Ausgabe 2007
Aus dem argentinischen Spanisch von Petra Zickmann und Manel Perez Espejo

ISBN - 978-3-492-24875-4
www.piper.de

Buenos Aires von damals glich einem Kind, das gerade erwacht, das dabei ist, das Leben aufzunehmen und für das alles zum ersten Mal geschieht. Und das im Eiltempo. Innerhalb von nur wenigen Jahren mussten sich die Einwohner der Metropole neu orientieren, denn alles wurde anders. In der Stadt, die 1826 zur Hauptstadt Argentiniens ernannt wurde, raucht man zum ersten mal einheimische Zigaretten. Eine Neuheit. Bald werden die Zigaretten folgen, die komplett im eigenen Land hergestellt werden, aus argentinischem Tabak und argentinischem Papier. Zum anzünden gab es dann auch original argentinische Streichholzer. Die erste Telefongesellschaft wird gegründet, der Kühlschrank hält den Einzug in das Land. Das erste Elektrizitätswerk liefert den ersten argentinischen Strom (1888), die ersten elektrischen Laternen beleuchten die Straßen. Das Standesamt macht seine Pforten auf, das erste Transatlantikschiff legt in dem Hafen an. Das erste Auto rollt über die Straßen der Stadt und bringt die Neugierigen zum ersten Kino der aufsteigenden Metropole, alle anderen fahren mit der ersten Straßenbahn dorthin. Die 80er und 90er des XIX Jahrhunderts waren nicht nur die entscheidenden in der Geschichte Buenos Aires, sondern des gesamten Landes. Irgendwo hinter den Kulissen dieser Entwicklung, versteckt, aber doch all gegenwärtig, pulsiert das Leben der Unterwelt der Stadt. Neben der ganzen Vielfalt der Verbrechen, die auch woanders zu finden ist, stellt sich in den Vordergrund besonders markant der Frauenhandel. Oder, um genau zu sein, der Mädchenhandel: Ein Gewerbe, mit dem es sich in der Zeit das meiste Geld verdienen ließ. Der Bedarf war enorm. So machten sich die spezialisierten "Händler" überall im Land, aber auch in ganz Europa und auf anderen Kontinenten auf den Weg, kauften den Vätern ihre Töchter zu "guten" Konditionen ab, lieferten sie in nach Buenos Aires ab und präsentierten anschließend ihre "Waren" auf den argentinischen, speziell zu diesem Zweck eingerichteten Auktionen:

"Denia »verkündete er«. Aus Tanger. Siebzehn Jahre alt. Arbeitet seit zwei Jahren hier in der Stadt. Fügsam und sehr ausdauernd. Festes Fleisch."

Kaum ein Geschäftsmann der Zeit hatte hier nicht seine Finger im Spiel. Auch politisch verändert sich das Gesicht von Buenos Aires. Es gibt die erste Arbeiterbewegungen, es entsteht die sozialistische Partei mit einem eigenen Blatt. "Vorwärts" (1882) heißt die Zeitschrift, zusammengestellt zuerst auf deutsch, was sich aber schnell ändern sollte. Und schließlich nahm in der Zeit die argentinische Nationalhymne, komponiert ursprünglich von Parera, ihre endgültige Gestalt an.

Trotz des viel versprechenden deutschen Titels, wird der Tango in dem Roman nur am Rande erwähnt. Von den über 600 Seiten werden nur wenige Abschnitte dem Thema gewidmet. Der Originaltitel macht in der Hinsicht keine Versprechungen. Als Do German 1880 mit seinem Bandoneon das Land betritt, ist das Instrument hier keine Neuheit mehr. Tango selbst ist längst die Musik der Stadt und ist dabei, den sogenannten "Saloon" zu erobern. Zwangsläufig erscheint in dem Zusammenhang auf der Bildflache der legendare Sänger Carlos Gardel. Seine Karriere ist unzertrennlich mit der Geschichte der Zeit verbunden. Mag er als Künstler eine große Nummer gewesen sein, gibt es darüber hinaus, wie es uns der Autor verrät, nur wenig, zu dem es sich aufzuschauen lohnt :

"Der ja, wie du dem bisher Gelesenen entnehmen kannst, nicht gerade ein großer Mann war. Ein großer Künstler war er durchaus, kein Zweifel. Doch die Anerkennung, die ihm seitens seiner Zeitgenossen widerfuhr, war nicht so uneingeschränkt, wie man hätte erwarten können oder aufgrund seiner Anerkennung durch die Nachwelt anzunehmen geneigt wäre. Gardels Erfolge waren bis in die zwanziger Jahre hinein nicht eben überwältigend: Er spielte in einem Film mit, Flor de Durazno, fett und ein bisschen lächerlich in einem kindischen Matrosenanzug, und nahm die eine oder andere Platte mit Razzano auf. Obwohl das gerne behauptet wird, war er nicht der erste, der einen Tango auf einer - sagen wir, legalen - Bühne gesungen hat: Kurz zuvor war Mi noche triste von Manolita Poli in einer Vorstellung des Schwanks Los dientes del perro uraufgeführt worden. 1923, als Gardel nach seinem Engagement im Madrider Apolo mit der Kompagnie von Enrique de Rosas hierher nach Barcelona gekommen war, bot er in einem Tango-The, wie die zeitgenössische Sittsamkeit solche Lokale nannte, in der Galle Consejo de Ciento, Ecke Calle Bruch, Damen gegen Bezahlung seine Dienste an."

Und dennoch, viele sind gekommen, als er 1936 zu Grabe getragen wurde:

"In der Nacht vom 5. Februar 1936 wurde der Sarg im Luna Park unten am Ufer aufgebahrt. Am nächsten Tag begleitete ihn eine Menschenmenge zum Friedhof La Chacarita. Eine Menge, die die kürzlich zu einer breiten Allee ausgebaute Calle Corrientes von einer Seite zur anderen und auf ihre ganze Länge von sieben Kilometern füllte. Eine Menge, die jener, die Uriburu zugejubelt hatte, sehr ähnlich war: eine gedächtnislose Masse, die weinend wie professionelle Klageweiber einen Mann betrauerte, den sie so gut wie gar nicht gekannt, den sie so sehr gar nicht geliebt, dem sie so viel gar nicht zugehört hatte, dessen Überreste jedoch ihr gehörten."

Horacio Vazquez-Rial

Der heute in Barcelona lebende Schriftsteller Horacio Vazquez-Rial wurde 1947 in Buenos Aires geboren. Er studierte Geschichte und Geographie und schreibt heute regelmäßig für die großen spanischen Tageszeitungen. Zu seinen Werken zählen neben "Tango, der dein Herz verbrennt" die Biografie des argentinischen Präsidenten Juan Domingo Perón "Perón, tal vez la historia" und ein Buch über die Verkörperung des Tangos Carlos Gardel: "Der Mann, der sich Carlos Gardel nannte", das auch auf deutsch erschienen ist.

Zu dem Roman lieferte Hannoversche Allgemeine eine kurze aber treffende Rezension:


"Ein großes Werk südamerikanischer Erzählliteratur."

(2009)




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